DIE 15-MINUTEN-STADT: MEHR LEBENSQUALITÄT UND NACHHALTIGKEIT IN DER STADT?

Viele kennen es: Morgens die Kinder zur KiTa bringen, anschließend mit dem Auto oder dem ÖPNV zur Arbeit fahren, nachmittags folgt ein Arzttermin, der Einkauf, eine Verabredung oder eine Trainingseinheit im Fitnessstudio. Lange Wege zwischen den einzelnen Aktivitäten kosten Zeit – und meistens auch Nerven. Insbesondere dann, wenn der Terminkalender dicht getaktet ist, die Bahn ausfällt oder Stau herrscht. Eine Stadt, in der alle Dienstleistungen des täglichen Bedarfs in 15 Minuten zu Fuß, mit dem Fahrrad oder den öffentlichen Verkehrsmitteln erreichbar wären, könnte hier Abhilfe schaffen. Konzepte und Ideen der 15-Minuten-Stadt gibt es bereits. Wir erklären, was es damit auf sich hat, welche Maßnahmen dafür notwendig sind und wieso die 15-Minuten-Stadt nicht nur die Lebensqualität, sondern auch das Klima verbessert. 

Die Idee hinter der 15-Minuten-Stadt

Das Konzept der 15-Minuten-Stadt stammt vom Pariser Wissenschaftler und Professor Carlos Moreno der Sorbonne-Universität aus dem Jahr 2016. Es zielt darauf ab, dass die Bewohner:innen alle notwendigen Einrichtungen und Dienstleistungen innerhalb von 15 Minuten zu Fuß oder mit dem Fahrrad erreichen können. Deshalb forscht er, wie Städte besser geplant und gestaltet werden können, um die Grundbedürfnisse ohne große Umwege decken zu können. Die Corona-Pandemie hat bereits gezeigt, wie wichtig attraktive Nachbarschaft und eine gute Infrastruktur innerhalb der eigenen Umgebung sind: Lockdowns und Ausgangsperren haben viele Menschen zwangsläufig dazu veranlasst, weniger zu reisen und mehr Zeit in ihrem Stadtteil und den eigenen vier Wänden zu verbringen. Fehlte es dort an Dienstleistungs- und Freizeitangeboten wie beispielsweise Grün- und Sportflächen, Geschäften, Cafés und Bildungseinrichtungen, die eine Stadt lebenswert machen, so wurde der Isolationseffekt verstärkt. Wäre die 15-Minuten-Stadt die Lösung des Problems? Was sind die Vorteile und welche Maßnahmen müssen ergriffen werden, damit das Konzept in der Realität funktioniert?
 

Vorteile der 15-Minuten-Stadt

1

Zeitersparnis für mehr Lebensqualität

Kurze Wege sparen Zeit, die anstelle von Anfahrts- und Pendelzeiten in Hobbys, Freizeitaktivitäten oder in Familie und Freunde investiert werden kann. Das reduziert nicht nur Stress, sondern steigert auch die allgemeine Zufriedenheit und Lebensqualität. Legt man täglich mehr Strecken zu Fuß oder mit dem Fahrrad zurück, fördert man gleichzeitig die körperliche und mentale Gesundheit.

 

2

Umweltfreundlichkeit und Nachhaltigkeit

Idealerweise kommt man in einer 15-Minuten-Stadt ohne Autos aus. Die Begrenzung auf kurze Wege würde automatisch den allgemeinen PKW-Verkehr, Staus und den CO2-Austoß reduzieren, was zu einer umwelt- und klimafreundlichen Stadt beiträgt. Voraussetzung dafür sind eine gute Infrastruktur und ein funktionierendes Mobilitätskonzept, die den Verzicht von Autos ermöglichen.

3

Gemeinschaft und Inklusion

Die 15-Minuten-Stadt kann auch das Gemeinschaftsgefühl fördern, da Menschen ihre Zeit überwiegend in der Nähe ihres Wohnorts verbringen.  Umso wichtiger ist es, sichere und kurze Wege für alle Mitmenschen zu ermöglichen und Räume zur Begegnung sowie soziale Treffpunkte zu unterstützen. 

Paris auf dem Weg zur 15-Minuten-Stadt?

Das bekannteste europäische Beispiel dieses Planungskonzepts ist Paris – denn die 2-Millionen-Metropole ist dicht besiedelt und platzt aus allen Nähten: Knapp vier Millionen Menschen pendeln täglich aus den Pariser Vororten zur Arbeit, rund 60 Prozent nutzen dafür das Auto. Zu den Rushhours sind die Straßen voll, die öffentlichen Verkehrsmittel überfüllt, und Staus sind zur Normalität geworden. Um dem ein Ende zu setzen, treibt die amtierende Bürgermeisterin Anne Hidalgo die Transaformation in der französischen Hauptstadt voran. Schwerpunkt ihres Konzepts und zentraler Bestandteil ihrer damaligen Wahlkampagne ist die Idee der autofreien Stadt.

In ihrer Amtszeit setzte die Bürgermeisterin bereits erste Maßnahmen dafür um: Das Seine-Ufer wurde für den PKW-Verkehr gesperrt, in der gesamten Region Île-de-France wurden sukzessive über 700 Kilometer neue Radwege geschaffen, knapp 200.000 neue Bäume gepflanzt und punktuell das öffentliche Verkehrsnetz ausgebaut. Das Konzept der 15-Minuten-Stadt geht also mit der Mobilitätswende einher. Denn der Ausbau des Nahverkehrs benötigt Platz – Platz, der bisher unter anderem von Autostraßen und Parkplätzen beansprucht wird. Erst wenn das öffentliche Angebot attraktiv und komfortabel genug ist, kann ein Umdenken stattfinden, das dazu führt, das Auto stehen zu lassen.

Von Amerika bis Schweden – so weit sind andere Städte

Weltweit experimentieren einige Städte mit dem 15-Minuten-Konzept, indem sie die Infrastruktur so gestalten, dass die meisten täglichen Bedürfnisse in einem kleinen Umkreis erfüllt werden können. In Schweden arbeitet die Stadt Stockholm beispielsweise daran, den Zugang zu Dienstleistungen und Einrichtungen zu verbessern; in Portland, USA, konzentriert man sich hingegen auf die Förderung von gemischt genutzten Orten und einer nachbarschaftsorientierten Stadtplanung, und die dänische Hauptstadt Kopenhagen setzt in ihrer Entwicklung auf sichere Radwege und gemütliche öffentliche Plätze. Doch wie sieht es in Deutschland aus? Gibt es erste Beispiele und Erfahrungen oder ist der Trend hierzulande noch nicht angekommen?

Deutschlands Smart City Hamburg setzt neue Impulse

Hamburg hat nicht nur im Smart City Ranking die Nase vorn, sondern zieht auch im Hinblick auf die 15-Minuten-Stadt nach: Die Handelskammer Hamburg hat das Konzept in ihrer Standortstrategie „Hamburg 2040“ aufgegriffen. Demnach sollen die Bewohner:innen zukünftig alle wichtigen Anlaufstellen innerhalb von 15 Minuten erreichen können – sowohl physisch als auch digital. Gemeint sind Wege zu Ämtern, Ärzten, Arbeitsstätten und sonstigen alltäglichen Bedürfnissen. Funktionieren soll das in gemischt genutzten Quartieren, wo Wohnen, Gewerbe und Versorgung Hand in Hand gehen. Damit soll die allgemeine Lebensqualität und Attraktivität für lokale Unternehmen und Einwohner:innen gleichermaßen gesteigert werden. In puncto Mobilität ist Hamburg bereits vielen deutschen Städten einen Schritt voraus: 2016 wurde das Projekt „switch“ ins Leben gerufen, mit dem man durch innovative Mobilität zwischen verschiedenen Verkehrsmitteln wie Bus, Bahn, Auto und Fahrrad wechseln konnte. Seit 2020 gibt es die hvv-switch-App, mit der man nicht nur die verschiedenen Angebote vergleichen, sondern auch buchen kann. Das gilt für alle hvv-Tickets, E-Roller-Lösungen sowie Car- und Ridesharing-Angebote. Ein weiteres Beispiel ist das Fahrradparkhaus an der U-Bahn-Haltestelle Kellinghusenstraße. An diesem Knotenpunkt steigen täglich mehr als 80.000 Fahrgäste ein, aus oder um. Um dort dem allgemein hohen Verkehrsaufkommen entgegenzuwirken, bietet das Parkhaus knapp 1.000 kostenlose Fahrradstellplätze, Reparaturstationen, Schließfächer sowie Leasing-Räder und Ladesäulen. Darüber hinaus plant Hamburg viele weitere derartige Projekte, um den Mobilitätsmix möglichst flexibel zu gestalten.

Sind Quartiere die Lösung für den 15-Minuten-Ansatz?

Seit 2016 entsteht mit dem Pergolenviertel das größte Neubauprojekt im Hamburger Bezirk Nord. Neben 1.700 Wohneinheiten für verschiedene Alters- und Zielgruppen bringt das Viertel viele Vorteile und Eigenschaften der 15-Minuten-Stadt mit: Von KiTas, Gemeinschaftsräumen und sozialen sowie kulturellen Angeboten über Serviceleistungen des täglichen Bedarfs wie beispielsweise ein Hof- und Einkaufsladen, ein Friseursalon und ein Café bis hin zu Kleingartenanlagen und Freizeitangeboten in unmittelbarer Nähe wurde an alles gedacht. Ein Schwerpunkt der Projektentwicklung liegt auf der CO2-minimierten Mobilität – also möglichst autofrei. Der neue Stadtteil in Winterhude hat innovative Wege gefunden, grünere Mobilität von der Planung bis hin zur Fertigstellung des Quartiers zu berücksichtigen. Zahlreiche Angebote wie gute Radabstellmöglichkeiten in den Gebäuden und der Verleih von Lastenrädern sollen die verstärkte Nutzung des Rads erleichtern. Carsharing-Angebote in der eigenen Tiefgarage, die Führung der Veloroute 5 entlang des Gebiets und der Bau einer Rampe zur S-Bahnstation sind ebenfalls Teil des Konzepts, das den Menschen dabei helfen soll, die Orte für ihre alltäglichen Bedürfnisse möglichst unkompliziert zu erreichen. Die kurzen Wege im Alltag fördern außerdem das Gemeinschaftsgefühl und sorgen dafür, dass die Bewohnerinnen und Bewohner mehr Zeit in der eigenen Umgebung verbringen und sich an lokalen Initiativen beteiligen. So gibt es im Pergolenviertel beispielsweise die Möglichkeit, Pflanzpatenschaften für die anliegenden Grün- und Freiflächen zu übernehmen, gemeinschaftlich zu gärtnern oder sich in verschiedenen Nachbarschaftsgruppen über das Viertel und die Aktivitäten zu informieren und auszutauschen.

Natürlich können diese Maßnahmen bei Neubauquartieren besser geplant und realisiert werden als bei Bestandsvierteln. Denn Veränderung braucht Zeit, und keine Großstadt kann die Umwandlung hin zur 15-Minuten-Stadt von heute auf morgen bewältigen. Doch viele Ansätze und Ideen werden bereits umgesetzt oder zumindest in der zukünftigen Stadtentwicklung berücksichtigt. Insbesondere in puncto Nachhaltigkeit und Umweltfreundlichkeit wird sich in Zukunft viel tun – nicht zuletzt aufgrund von diversen Klimazielen und -abkommen, denen sich viele Länder und Regionen verpflichtet haben. Wir halten Sie darüber auf unserem Blog auf dem Laufenden.

Viktoria Gomolka
Senior Communications & Content Marketing Specialist

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