Mythos München: Wie lebenswert ist die Landeshauptstadt wirklich?

München

Lederhosen und Dirndl, Oktoberfest, Brez’n und zünftiges Essen sind wohl die Begriffe, welche die meisten im In- und Ausland mit München verbinden. Meist hat man auch die starke Wirtschaft und große Unternehmen wie BMW vor Augen. Zunehmend wird die bayerische Landeshauptstadt aber auch mit horrenden Miet- und Kaufpreisen assoziiert. Wie lebt und arbeitet es sich also in München? Wir haben vor Ort mit unserem Kollegen Jochen Stecker, Director National Investment, gesprochen und mussten feststellen, dass auch gebürtige Ruhrpottler sich von der Münchner Lebensart verzaubern lassen können.

Herr Stecker, welche drei Fakten fallen Ihnen als erstes ein, wenn Sie an München denken?

Da fällt mir einiges ein, denn München hat eine hohe Lebensqualität und besondere Lebensart. Dies spiegelt sich in der Zufriedenheit der hier lebenden Menschen wider. Darüber hinaus verbinde ich mit München hauptsächlich folgende drei Merkmale:

  1. Wirtschaftliche Stärke. Diese entsteht durch die sehr breite Streuung der hier ansässigen Unternehmen über alle maßgeblichen Branchen hinweg.
  2. Tradition und Lebenskultur – eine sich gegenseitig erhaltende Grundlage für ein „gewisses Selbstverständnis“.
  3. Bildung, Medizin, Infrastruktur und Sicherheit: vier Grundpfeiler für die langfristige Sicherung der Prosperität. Die seit vielen Jahren stehenden und bekannten Begriffe „Laptop und Lederhosn“ oder „Bits and Pretzels“ beschreiben es sehr treffend.

Kann München alle als Arbeits- und Wohnort überzeugen oder wird die Stadt mehr und mehr zu einem Ort für die Elite?

Dieses Spannungsfeld kennen wir in München seit einigen Jahren. Die Lebenshaltungskosten sind überproportional gestiegen, da der (Wohn)Immobilienmarkt nicht mit dem starken Bevölkerungswachstum mitkommt. Daher ist es fundamental, Wohn- und Lebensraum für alle zur Verfügung stellen zu können, was in Regularien zur Schaffung von Wohnraum zum Ausdruck kommt. Für Entwickler von Wohnprojekten bedeutet das: Sie müssen inzwischen bis zu 40 Prozent der projektierten Fläche dem geförderten Wohnraum widmen. Darüber hinaus strebt die Landeshauptstadt München zunehmend kommunale Wohnprojektentwicklungen an, welche auch langfristig im kommunalen Bestand verbleiben. Hinzu kommt ebenfalls die verstärkte Ausübung von Vorkaufsrechten, durch welche die Landeshauptstadt ihren eigenen Wohnungsbestand aufstockt, um der "Nicht-Elite" bezahlbaren Wohnraum zu gewährleisten.

Diese Maßnahmen sind nur aufgrund der hohen Steuereinnahmen durch die starke Wirtschaft möglich – somit verteilt München einen Teil der Einnahmen zugunsten einer stärker ausgeglichenen sozio-demographischen Entwicklung und Zukunftsfähigkeit um. Schließlich sollen alle Einwohnerinnen und Einwohner Münchens die Möglichkeit haben, auch in dieser Stadt leben zu können. Wichtig ist auch, dass kein Sozialneid entsteht; und da hilft dem Münchner wieder seine sprichwörtliche Gelassenheit, wenn er die „Bussi-Bussi-Gesellschaft“ belächelt.

Olympiastadion München

Das Olympiastadion ist die größte Bühne Münchens und wird für verschiedene Events und Open-Air-Konzerte genutzt.

Mit welcher internationalen Stadt würden Sie die Landeshauptstadt vergleichen?

Das ist nicht leicht, München hat einen ganz eigenen Charakter. Hinzu kommt: Die Bevölkerung besteht inzwischen aus weniger als 50 Prozent Ur-Münchnern, sodass viele nationale und internationale Einflüsse in einer guten Mischung zusammenkommen. Aus traditioneller Sicht haben wir sicher etwas von Wien, aus Sicht der Lebensart etwas von Mailand oder Rom. Aus New-Technologies-Sicht sowie dem dieser Bevölkerungsgruppe wichtigen Freizeitangebot würde ich München sogar mit der kalifornischen Westküste vergleichen. Was ich als gebürtiger Ruhrpottler allerdings vor gut 20 Jahren, als ich nach München kam, schnell bemerkt habe: Die Schale der Menschen im Münchner Wirtshaus ist ebenso rau wie die der Menschen in der Gelsenkirchener Eckkneipe – dasselbe trifft auch auf die Herzensgröße der Menschen in beiden Regionen zu!

Jochen Stecker
Jochen Stecker
Director National Investment
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Was würden Sie sich für Ihre Stadt wünschen, damit sie noch lebenswerter wird?

Was die Lebensqualität in und um München herum angeht, kann man sich nicht viel mehr wünschen. Allerdings können wir die hohe Qualität von Leben und Arbeiten auch nur bewahren, wenn die infrastrukturellen Voraussetzungen gewährleistet sind. Und da muss München mit seinem eigenen Wachstum mithalten. Insbesondere müssen die Makrothemen Mobilität und bezahlbarer Wohnraum ganz oben auf der Agenda stehen. Schon seit Jahren spricht man von einem möglichen Verkehrskollaps in der Landeshauptstadt, weshalb wir reaktiv bereits eine überdurchschnittliche Nutzung von Fahrrädern, E-Rollern und vergleichbaren Verkehrsmitteln sehen. Diese individuelle Mobilität muss durch den Ausbau entsprechender Verkehrswege ebenso weiter gefördert werden, wie die zweite S-Bahn-Stammstrecke, welche in etwa sieben Jahren fertiggestellt wird. Hinsichtlich der Förderung bezahlbaren Wohnraums müssen die bereits etablierten Wohnraumprogramme zumindest beibehalten und je nach Entwicklung der Bevölkerung im Verhältnis zum Wohnimmobilienmarkt weiter ausgebaut werden – damit die Bevölkerung ebenso stark bleibt wie die Wirtschaft.

Zum Schluss noch kurz zum Beruflichen: Was macht den Immobilienmarkt in München besonders?

Der Münchner Immobilienmarkt hat aus der DotCom-Krise von 2001 gelernt. Damals wurden im Zuge der digitalen Revolution Bürogebäude in peripheren Lagen der Stadt und des Umlands spekulativ, das heißt ohne Vorvermietung, aus dem Boden gestampft – und innerhalb von weniger als zwei Jahren stieg der Büroflächenleerstand von circa 0,5 Prozent auf über 11 Prozent. Die Reaktion darauf war eine deutlich verhaltenere Baugenehmigungspraxis und die Begrenzung der Geschossigkeit von Neubauten. In Verbindung mit dem starken Wirtschaftswachstum, insbesondere in den letzten zehn Jahren, liegt der Büroflächenleerstand heute wieder bei unter 2 Prozent. Sowohl die Stadt selbst als auch der privatwirtschaftliche Sektor der Projektentwicklung legen großen Wert auf die dauerhafte, gesunde Entwicklung der Immobilienmärkte. Diese Ausgewogenheit drückt sich auch dadurch aus, dass der Kapitalwert von Wohn- und Büroimmobilien, das heißt der Wert pro Quadratmeter Nutzfläche, mit durchschnittlich etwa 8.000 Euro pro Quadratmeter annähernd gleichauf liegt. Damit sind die Voraussetzungen für eine gleichmäßige Immobilienentwicklung über die zwei wichtigsten Nutzungsarten, nämlich Wohnen und Büro, gegeben. So wird auch gewährleistet, dass Leben und Arbeiten regional näher zusammenrücken, was die angespannte Mobilitätlage zukünftig entspannen könnte. Wichtig ist, dass Politik und Wirtschaft dieses Augenmaß beibehalten – dann steht der Fortschreibung der Münchner Erfolgsgeschichte nicht viel im Weg.

Allerletzte Frage: Sind Sie auch Bayern-Fan geworden?

Na ja … wenn man „auf Schalke“ groß wird, ist das fester Bestandteil der DNA … Tatsächlich fiebere ich noch immer mit meinen Schalkern mit – und daran wird sich in diesem Leben auch nichts mehr ändern!